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ERKENNTNISSE DER ZUKUNFTSFORSCHUNG

Wie lassen sich vor dem Hintergrund der gegenwärtigen gesellschaftlichen Spaltung plausible Handlungsoptionen entwickeln? Voraussetzung für das Beantworten dieser Frage ist ein abstraktes – aber umso hilfreicheres – Verständnis davon, was „Gesellschaft“ eigentlich ist. Die Systemtheorie formuliert es so: Gesellschaft ist ein umfassendes, eigen- dynamisch operierendes, letztlich also fluides System, das sich permanent im „Work in Progress“-Modus befindet. Mit dieser Sicht wird auch klar, was Gesellschaft nicht ist: kein konstruiertes „Ding“, kein stabiler Zustand oder etwas Fixier- oder Formbares.

„Komplexität ist der Schlüssel
zum Verständnis unserer Welt.“
— Armin Nassehi

Diese Sicht auf das „unordentliche“ und widersprüchliche Wesen von Gesellschaft ist wichtig, um die Welt im 21. Jahrhundert beobachten und besser verstehen zu können. Nur so kann eine Annäherung an die Fragen gelingen, die im Kontext zunehmender Spaltungs- und Polarisierungstendenzen immer dringlicher werden: Unter welchen Bedingungen und Motivlagen formieren und bewegen sich Kultur- und Wertewelten? Welche Faktoren ebnen den Weg für den Zerfall des gesellschaftlichen Zusammenhalts? Und welche neuen Formen von Teilhabe und Solidarität – welche gemeinsamen Ideen von Zukunft – entwickeln sich und sind in einer „nächsten Gesellschaft“ denkbar und umsetzbar?

Das bisherige staatliche „Geschäftsmodell“ Deutschlands war von einer Versorgermentalität geprägt. Einmischung durch die Bürger in die Aufgaben des Staates galt weitgehend als unerwünscht. In Teilen befand sich dieses System schon im Umbau, wie etwa an der Agenda 2010 deutlich wurde, die heute wieder in Frage gestellt wird. Dass das System in seiner jetzigen Form überfordert ist, zeigte exemplarisch auch die Flüchtlingskrise im Jahr 2015: Die Politik war darauf nicht vorbereitet, nur das spontane Engagement der Bürger half, eine soziale Katastrophe zu verhindern. Das sind nur zwei Beispiele, die zeigen, dass die Politik in einer Netzwerkgesellschaft keine Universalitätsansprüche mehr stellen kann. Sie verliert ihre übergreifende Zuständigkeit. Die Tatsache, dass viele Menschen die Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte in Frage stellen, birgt aber auch eine Hoffnung: Der Wunsch und Wille der Bürger, als politisch handelnde Menschen an der Gestaltung von Politik und Gesellschaft teilzunehmen, ist vorhanden. Die Frage ist nur, wie dieser Wunsch auf einer neuen Ebene überzeugend adressiert und erfüllt werden kann.

Ein erster notwendiger Schritt besteht darin, den Kampf der Kulturen und die Kluft zwischen den Wertewelten wirklich ernst zu nehmen, anstatt sie beispielsweise auf formale Verteilungsfragen zu reduzieren. Ein nächster Schritt, um plausible Handlungs- und Lösungsansätze entwickeln zu können, ist der Blick auf die größeren gesellschaftlichen Kontexte: die Erkenntnis, dass wir uns im Übergang von der modernen Gesellschaft zur Netzwerkgesellschaft befinden und dass diese “nächste Gesellschaft” strukturell anders, nämlich auf eine neue, hochkomplexe Weise selbstbezüglich operiert. Es gilt also sich der Herausforderung zu stellen, ein neues Weltbild auf neuem Terrain zu entwickeln, anstatt den Kampf der Kulturen auf dem altbekannten Boden fortzuführen.

Darüber hinaus ist es laut „Next Germany“ notwendig, eine ernsthafte Auseinandersetzung und einen breiten Diskurs bezüglich neuer Formen der Partizipation in der Netzwerkgesellschaft zu starten. Hier hilft der Blick auf das Zusammenspiel von Struktur und Kultur als “ordnende Kräfte” im Zuge der gesellschaftlichen Evolution. Die moderne Gesellschaft, die von Werten wie Individualisierung, Humanismus, Aufklärung und Gerechtigkeit geprägt ist, entwarf ein entsprechend modernes Programm der Partizipation. Prinzipiell sind damit alle Individuen in jedes einzelne Funktionssystem inkludiert: Jeder Einzelne muss sich an Politik, Wirtschaft, Recht etc. beteiligen können. Eingelöst wird dieses Versprechen durch ein demokratisches politisches System, durch ökonomischen Wettbewerb, durch ein Bildungssystem mit allgemeiner Schulpflicht sowie durch sekundäre Funktionssysteme wie Sozial- und Entwicklungshilfe, die für eine Art sekundärer Inklusion sorgen.

Die Netzwerkgesellschaft löst diese homogene Inklusionsprogrammatik ab, wenn auch nicht auf. Sie ersetzt sie durch eine Vielzahl spezifischer Kontrollprojekte, die keine Allgemeingültigkeit mehr beanspruchen können, bilanzieren die Forscher. Der Fokus in der Netzwerkgesellschaft verlagert sich von der zentralen Organisation von Teilhabe hin zu Selbstorganisation und Selbstverantwortung. Dazu müssen die Formen der Teilhabe neu formuliert werden. Wurde in der Moderne um „vernünftige“ politische Programmvorgaben gestritten, entwickeln die Akteure der vernetzten Zivilgesellschaft, etwa Sozialunternehmer oder NGOs, ihre Programme heute selbst.

Eine zentrale Herausforderung wird deshalb laut Studie darin bestehen – auch und gerade von staatlicher Seite –, Menschen zu ermächtigen, eigenständig neue Formen von Partizipation zu realisieren. Nur so können auf breiter Basis neue Möglichkeiten eines übergreifenden, gemeinsamen Handelns entstehen – und auch ein neues Weltbild jenseits populistischer Protestkulturen und ideologischer Grabenkämpfe. Eine Leitformel für die neue Wir-Gesellschaft lautet daher: mehr Selbstorganisation – innerhalb abgesicherter Rahmenbedingungen. Denn erst ein Mindestmaß an sozialer und finanzieller Absicherung kann echte Spielräume für selbstorganisiertes Handeln eröffnen. Die Studie „Next Germany“ zeigt dabei beispielhaft auf, wie sich neue Netzwerke bereits heute formieren – vom Social Fundraising über Social Influencing bis zur Lab-Kultur und zu neuen Nachbarschaftsnetzen.

Der diagnostizierte Split der Kulturen zwischen „starken Individuen“ und „starkem Kollektiv“  ist auch ein Kampf um gesellschaftliche Deutungshoheit. Auf der einen Seite steht die „linke“ Erzählung von der offenen, multikulturellen Weltgesellschaft und ihren kreativen Individuen. Auf der anderen Seite steht die „rechte“ Erzählung vom geschlossenen, „identitären“ Nationalstaat und einer kollektiven Solidarität. Beide Plots scheitern daran, dass sie die Komplexität der heutigen Gesellschaft ausblenden.

Was eine gespaltene Gesellschaft deshalb umso dringlicher braucht, so „Next Germany“, ist eine neue, überzeugende, begeisternde Deutung von Komplexität – jenseits der traditionellen politischen Schemata. So kann die Erkenntnis reifen, dass die Probleme unserer Gesellschaft nicht auf kultureller Homogenität oder Inhomogenität gründen – und dass traditionelle Vorstellungen wie eine zentrale (politische) Steuer- oder Adressierbarkeit „der Gesellschaft“ kaum noch anwendbar sind.

Der erste Schritt in Richtung einer solchen Meta-Erzählung, die beide Lager wieder in Kontakt bringen könnte, besteht darin, die komplexe Realität einer Netzwerkgesellschaft zu akzeptieren. Diese neue Zukunftserzählung muss laut den Autoren eine überzeugende Alternative anbieten können zu den unterkomplexen „rechten“ und „linken“ Utopien: zur nostalgischen Idee einer identitären Reanimierung des Vergangenen sowie zur multikulturellen Vision einer idealtypisch formbaren „Open Society“. Beide Ansätze faszinieren in Zeiten explodierender Komplexität gerade durch ihre Realitätsferne. „Entzaubert“ werden können sie nur durch die Konfrontation mit einer greifbaren, attraktiven Alternative: mit einer gesellschaftlichen Vision, die ihre Strahlkraft gerade nicht aus der Distanz zur Realität bezieht, sondern aus einem neuen Pragmatismus, der auf die Zukunft zielt, aber im Hier und Jetzt verankert ist.