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VISIONEN

Für das politische System und für die etablierten Parteien ist die Ära des „Muddling through“, des Klein-Klein-Durchwurstelns und Lagerdenkens vorüber. Laut Studie ist die Zeit demnach reif für größere Visionen und Zumutungen, für Parteien, die sich den Bürgern ehrlich zuwenden und sich aufmachen, die Verhältnisse zu redefinieren, in denen die Erregungs- und Wutkultur gedeihen konnte. Ohne Angst vor Komplexitätssteigerung und ohne Scheu vor direktem Kontakt und Dialog, auch mit all denjenigen, deren Weltbilder und Werte nicht den eigenen entsprechen.

Die Zeit ist reif für größere Visionen und Zumutungen, für Parteien, die sich den Bürgern ehrlich zuwenden.

In diesem Zusammenhang beklagen die Autoren aktuell “fehlende politische Angebote, denen es gelingt, durch einen konstruktiven Umgang mit Komplexität zu begeistern, die mutig genug sind, sich selbst neu zu definieren.” Es fehle “eine Politik, die kein illusorisches Zurück in die vergangenen Zeiten verspricht, sondern realistische Angebote für eine hochkomplexe Gegenwart und Zukunft macht.”

Gedanklich müssen wir uns damit auch verabschieden von der tendenziell vereinfachenden Frage “Wie wollen wir leben?”. Das “Wir” läuft in diesem Zusammenhang immer Gefahr, eine tendenziell elitäre Minderheitenmeinung zu verallgemeinern. Zukunftsweisend reformuliert muss die Frage lauten: “Wie wollen wir alle als Bürger zusammenleben, inklusive unserer unterschiedlichen Meinungen und Ansichten?” Das ist der Ausgangspunkt für die Suche nach übergreifenden Gemeinsamkeiten, nach geteilten Werten, Zielen und Wünschen. Die meisten Menschen wünschen sich zumindest eines: die Chance auf ein gelingendes, erfülltes, gerechtes Leben bei Wahrung ihrer Selbstachtung und Identität. Der Weg zur Verständigung muss deshalb auch über eine aktive Kommunikation auf Augenhöhe führen. Die Voraussetzung dafür sind konkrete, praktische Projekte und Räume, die Dialoge und Begegnungen ermöglichen und neue Identitätsangebote vermitteln. Nur auf diese Weise kann ein kollektiver mentaler Wandel eingeläutet werden: von feindsinniger Ausgrenzung hin zu einer kooperativen Abgrenzung, die auch unterschiedliche Perspektiven toleriert.

Die Datenanalyse in “Next Germany” zeigt: Deutschland braucht und will einen Paradigmenwechsel, eine umfassende Transformation der Gesellschaft und des Lebens. Ebenso klar ist aber, dass diese neue Wirklichkeit nicht einfach „eingeführt“ werden kann. Eine vernetzte Gesellschaft ist weniger denn je steuerbar – und „Ordnung“ bzw. ein gemeinsamer Richtungssinn ist immer ein Resultat von Praxis. Die Bereitschaft zur Veränderung, das Interesse am Wandel des Mindsets, beruht deshalb vor allem auf praktischen Erfahrungen, auf dem Tun. In dieser gesellschaftlichen Alltagspraxis entfaltet sich die Zukunft der Wir-Gesellschaft – und die Zukunft der Demokratie.

Vieles spricht laut Studie daher dafür, dass ein Mehr an Bürgerbeteiligung und direkter Demokratie einen konstruktiven Umgang mit der gegenwärtigen gesellschaftlichen Spaltung vorantreiben kann. Die Ergänzung des jetzigen Demokratiemodells durch direkte Elemente und mehr Bürgerbeteiligung wäre eine realistische Vision und könnte den Wandel von einer repräsentativen zu einer partizipativen Demokratie bringen. Es geht hier auch um die Rückbesinnung auf die eigentliche Funktion der Demokratie: Demokratie als ein Werkzeug, das Vielfalt abbildet, indem es unterschiedliche Interessen in eine Konsensform bringt.  Beispielhaft wird in diesem Zusammenhang verwiesen auf die Erfahrungen mit Bürgerbeteiligungsmodellen, etwa in Baden-Würtemberg oder der Schweiz, mit “losdemokratischen” Elementen wie beispielsweise in Irland oder mit dem Modell einer “Monitorial Citizenship”, wie es in São Paulo zum Einsatz kam.

Mehr Teilhabe macht, so die Erfahrung aus den Beispielen, die Bürger zufriedener und sozial engagierter, stärkt die Wirtschaft und senkt die Staatsverschuldung. In Zeiten zunehmender Vernetzung erscheint diese Richtung für die Vision eines zukunftsfähigen Staates am plausibelsten: Es geht darum, die Bürger zu ermächtigen.

Die Zukunftsforscher sehen angesichts der Entwicklungen die Notwendigkeit eines neuen Politikertyps: des “unternehmerischen Politikers”. Dieser idealtypische Politiker der Zukunft setzt sich pragmatisch für die Realisierung gemeinsamer Werte und Anliegen ein – und versteht das Repräsentieren nicht mehr als Re-Präsentation von bereits Existierendem, sondern als visionäres Erschaffen neuer Handlungsräume. Er ist der “bessere Populist”, indem er den Menschen die Wahrheit zumutet, das Volk beteiligt und befragt – und dabei nicht nur alte Forderungen und Interessen bedient, sondern neu erzeugt.

Eine „re-demokratisierte“ Demokratie würde helfen, die Politik (wieder) anschlussfähiger zu machen. Voraussetzung dafür ist ein echtes Wir-Mindset in der Gesellschaft, bei dem Macht und Eigeninteressen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Am Ende, so bilanziert die Studie „Next Germany“, könnte eine Win-win-Situation entstehen: ein neues Miteinander von weniger politikverdrossenen Bürgern – und weniger volksverdrossenen Politikern.